Portugal 06.07. – 20.07.09


Nach gut 30 Jahren „Abstinenz“ buchten wir im Januar 2009 über unsere portugiesischen Freunde Anabela und Paulo Reis unseren Portugal Urlaub in Ericeira, einem kleinen Fischerort etwa 60 km nordwestlich von Lissabon. Wir sollten unsere Entscheidung nicht bereuen: Ericeira, ein kleiner, gemütlicher Ort ohne Touristenrummel, so richtig zum Entspannen, unsere Residencial Camarão, mitten im Ort, direkt neben der Markthalle und nur 5 Gehminuten vom Strand entfernt, unser Zimmer mit Blick aufs Meer und angenehme Temperaturen, bei denen es sich nachts gut schlafen ließ. Kurzum: Erholung pur! Das Baden im Atlantik erforderte allerdings einige Überwindung, denn die Wassertemperatur betrug nur 17°.
Als begeisterte Fischesser kamen Mary und ich voll auf unsere Kosten. Dabei waren die Preise erschwinglich und in den Restaurants, wo die Portugiesen aßen, sogar extrem niedrig. So kosteten beispielsweise eine Flasche Vinho de Mesa 3 Euro und ein komplettes Gericht selten mehr als 6 Euro.


Die folgenden Zeilen und Fotos sind ein Dankeschön an Anabela Reis und ihren lieben Mann Paulo, die gemeinsam dazu beigetragen haben, dass unser wunderbarer Portugal Urlaub in dieser Form zustande kommen konnte!

Das erste Wasserbettenfachgeschäft in Portugal

www.camadeagua.eu/index.php/cama-de-agua

Anabela sagt selbst zu ihrer Geschäftsidee:

Es war schon immer ein Traum von mir, Deutsch und Portugiesisch zu kombinieren.

Gründe dafür:
- Erfahrungen aus Deutschland in Portugal zu integrieren
- Die Herausforderung, mit zwei Sprachen zu arbeiten
- Portugal aus der Arbeitswelt kennenzulernen



Impressionen von Ericeira

Ericeira präsentierte sich als gepflegter Ort, der durch seine Sauberkeit bestach. Vor den Geschäften und an der Strandpromenade gab es Aschenbecher, die regelmäßig gereinigt wurden. Das Pflaster in der Fußgängerzone war nicht übersät mit schwarzen Kaugummiflecken wie beispielsweise bei uns in Dortmund, denn auch für diese Art von Müll standen gesondert Behälter bereit. Altes Fett wurde gesammelt und als Treibstoff für alternative Fahrzeuge wieder aufbereitet. Der Zustand öffentlicher Toiletten, die man bei uns häufig vergeblich sucht, war stets vorbildlich und deren Benutzung kostenlos. Diese für uns ungewohnte, aber durchaus angenehme „Higiene Urbana“ trafen wir auch in anderen Kleinstädten wie Óbidos, Nazaré oder Tomar an, um nur einige zu nennen.
Wenn man Ericeira mit seinen etwa 5000 Einwohnern nicht auf dessen Einkaufsmeile reduziert, so kann man eine ganze Reihe hübscher Gässchen und gemütlicher Plätze finden. Die Wahl zwischen den Restaurants, in denen stets frischer Fisch serviert wurde, fiel uns oft schwer, zumal die natürliche Freundlichkeit des portugiesischen Personals die oftmals berechnende Geschäftstüchtigkeit ihrer deutschen Kollegen bei weitem in den Schatten stellte.

Mafra

Gut 10 km südöstlich von Ericeira liegt Mafra mit seinem sehenswerten Klosterpalast. 1717 wurde mit dem Bau der gigantischen Anlage begonnen, die in nur 13 Jahren fertiggestellt wurde. Ermöglicht wurde dieses Projekt, als enorme Goldvorkommen in der Kolonie Brasilien entdeckt wurden. 45 000 Bauleute arbeiteten auf Europas größter Baustelle und 7000 Soldaten standen bereit, um etwaige Fluchtversuche der geknechteten Menschen zu verhindern. 1400 Arbeiter kamen während der Bauzeit ums Leben. Am Ende übertraf der Palast an Größe sogar den Escorial bei Madrid. Auf einer Grundfläche von 232 m Länge und 221 m Breite zählt er fast 900 Säle sowie 4500 Fenster und Türen. In der lichtdurchfluteten, 85 m langen wundervollen Bibliothek befinden sich nahezu 40 000 Bände aus dem 16. bis 18. Jh. Wegen der immensen Baukosten konnte man den ursprünglich geplanten Prachtboulevard vom Schlossplatz über die hügelige Landschaft hinweg bis zum Meer nicht mehr anlegen.
Im Palast wurden übrigens einige Szenen für den Film „Die Bartholomäusnacht“ (1994) mit Isabelle Adjani und Daniel Auteuil gedreht.


Lissabon – 1. Besuch

Bei unserem ersten Besuch in Lissabon nach mehr als 30 Jahren wollten wir uns einfach treiben lassen und dabei Eindrücke sammeln. Nach der Besichtigung des Torre de Belém suchten wir nach einem kostenfreien Parkplatz für den Tag. Wie schon so oft in der Vergangenheit konnten wir uns auch diesmal wieder auf die Hilfsbereitschaft der Portugiesen verlassen. Wir sprachen einen Herrn etwa in unserem Alter an, der, wie sich schnell herausstellte, kein Englisch und von seiner Schulzeit her nur ein paar Brocken Deutsch sprach. Dennoch verstand er sofort, wonach wir suchten und bedeutete uns, einfach hinter ihm herzufahren. Wenig später hatten wir unseren freien Parkplatz. Unser Portugiesisch reichte auf jeden Fall, dem netten Herrn unseren Dank auszusprechen und ihm noch einen schönen Tag zu wünschen.
Schnell fanden wir eine dieser wunderbaren nostalgischen Straßenbahnen, die uns mit nach Lissabon nahm. Am Praça do Comercio, einem markanten Orientierungspunkt stiegen wir aus. Einen Taxifahrer fragten wir nach einer Möglichkeit, wo man in der Nähe typisch portugiesisch preiswert und gut essen könne. Er schickte uns, ohne lange überlegen zu müssen, zu einem Restaurant keinen Kilometer entfernt und fügte hinzu, dass wir ihn so ziemlich alles fragen könnten, da er Lissabon wie seine Westentasche kenne. Wieder waren wir begeistert von der Offenheit und seinem Entgegenkommen und wurden auch nicht enttäuscht, was das Restaurant anging.
Nach dem Mittagessen bummelten wir die Rua Augusta entlang, bestaunten den einzigartigen Elevador Santa Justa und machten einen Schlenker nach rechts zum Praça da Figueira.

In einer Seitenstraße östlich vom Nationaltheater und ein wenig abseits von den Touristenströmen fanden wir am Largo de São Domingo die Igreja de São Domingos. Obwohl sie in keinem mir bekannten Reiseführer erwähnt wird, fanden wir deren Besichtigung durchaus lohnenswert. Die Kirche soll bis zu dem Erdbeben von 1755 eine der größten und schönsten in Lissabon gewesen sein. Nach dem Wiederaufbau wurde sie 1959 durch einen Brand noch einmal nahezu völlig zerstört und seitdem in ihrem ruinösen Charakter erhalten. Betritt man den Innenraum, empfindet man eine eigenartige Faszination angesichts der noch deutlich sichtbaren Spuren des Feuers. Vielleicht wird gerade wegen dieses Eindrucks weltlicher Vergänglichkeit die Kirche von Lissabonnern gern und viel besucht. Nach diesem Abstecher in eine kühle und ruhige Welt, begaben wir uns wieder in die Hitze und den Trubel dieses frühen Lissabonner Nachmittags. Obwohl das historische Café Nicola sehr einladend wirkte, überließen wir es den zahlreichen Gästen und gingen weiter zum Estação do Rossio. Auf der langen Rolltreppe fuhren wir hoch zu den Geleisen.
Sehr freundlich erlaubte man mir, auch ohne Bahnsteigkarte, Fotos von den schönen Kachelbildern an den Wänden zu machen. An einer Brüstung im Schatten gönnten wir uns einen Moment Pause und blickten auf das Treiben hinab, ehe wir uns auf den Weg zum Praça dos Restauradores machten.
Beeindruckend das ehemalige Eden Theater, in dem sich nun ein Hotel gleichen Namens befindet! Nur noch ein kurzes Stück, dann stiegen wir in die historische Standseilbahn, um zum Miradouro São Pedro Alcantara hinaufzufahren. Am Aussichtspunkt erwartete uns ein kleiner Park mit Bänken im Schatten. Der Blick über die Stadt und den Tejo war überwältigend. Ohne Eile gingen wir durch die Gassen des Bairro Alto und erfreuten uns an den farbenfrohen Häusern mit den kleinen Balkonen. Wir genossen die Ruhe, die man im Sommer hier nur an den Wochenenden findet, weil dann die Lissabonner an die nahegelegenen Strände vor der Hitze in der Stadt flüchten.
Am Largo do Chiado nahmen wir wieder die Linie 28. Eine Station vor dem Miradouro Santa Luzia stiegen wir aus und folgten der Beschilderung zum Castelo de São Jorge. Auf einer schattigen Terrasse stärkten wir uns mit eiskaltem Tonic Water und frisch gepresster Zitrone.
Von der Burg aus dann noch zum Abschluss des Tages der traumhafte Blick über die Stadt in sämtliche Richtungen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Lissabon als hügeligste Hafenmetropole der Welt gilt. Wir wissen jetzt, warum!

Óbidos

Der kleine Ort liegt ca. 80 km nördlich von Lissabon und existierte berits zu Zeiten der Römer als Siedlung. Zu Recht kann man Óbidos als großes Freilichtmuseum bezeichnen, für das man jedoch keinen Eintritt zahlt. Die fast komplett begehbare Stadtmauer umschließt den Ort, und von oben ergeben sich wunderbare Einblicke in schöne Innenhöfe mit großer Blumenvielfalt. Steigt man in die engen Gassen hinab, erhält man einen Eindruck von der mittelalterlichen Atmosphäre – vorausgesetzt, dass gerade keine Busladungen von Touristen ausgeschüttet wurden! Sehenswert ist auch der Pousada in der Burg, ähnlich dem Parador in Spanien eine noble Unterkunft in einem besonderen Ambiente. Gerne wird einem das vornehme Restaurant in der oberen Etage gezeigt, von wo aus man einen schönen Ausblick auf die leicht hügelige Umgebung erhält. Von hier oben zu sehen ist auch eine interessante Kirche, die Santuário do Senhor Jesus da Pedra. Ist man mit dem Mietwagen unterwegs, sollte man auf den Abstecher dorthin nicht verzichten.


Nazaré

enttäuschte uns zunächst, weil wir nicht die bunten Fischerboote fanden, die ich so gern fotografiert hätte. Im Hafen sagte man uns, dass sie erst am späten Nachmittag hereinkämen. Da wir am Abend mit Anabela in Fátima verabredet waren und uns auch noch Batalha ansehen wollten, fuhren wir hoch in den Ortsteil Sítio. In einer kleinen Gasse aßen wir sonnengeschützt zu Mittag, überbrückten die aufkommende Trägheit mit einem starken Kaffee und ließen anschließend Nazaré auf uns wirken.
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war Sítio das bedeutendste Marienheiligtum Portugals und wurde erst dann von Fátima abgelöst. Grundlage für die Verehrung der Nossa Senhora da Nazaré war die wundersame Rettung des Dom Fuas, der am steil zu Nazaré-Strand abfallenden Felsmassiv 1183 auf Jagd war und zu Pferde im dichten Nebel einen Hirsch verfolgte. Er wäre wie der Hirsch die Steilwand heruntergestürzt, wenn ihn nicht im letztem Augenblick die Senhora da Nazaré gewarnt hätte. Zum Dank soll Dom Fuas dort zur Erinnerung eine Kapelle errichtet und Sítio der Senhora da Nazeré geschenkt haben.


Batalha

Anlässlich einer gewonnenen Schlacht 1385 gegen eine zahlenmäßige Übermacht kastilischer Truppen ließ der portugiesische König João I. aus Dankbarkeit 1386/87 ein herrschaftliches Dominikanerkloster bauen, dass 1580 vollendet wurde und heute als Unesco-Welterbe anerkannt ist. Von Norden auf der Autobahn kommend sprang uns allerdings zunächst die imposante Klosterkirche Santa Maria da Vitória ins Auge, die sich linker Hand etwas unterhalb der Straße im Licht der schon tiefer stehenden Sonne in monumentaler Größe präsentierte.


Fátima

ist einer der bedeutendsten katholischen Wallfahrtsorte weltweit, nachdem drei Hirtenkindern am 13. Mai 1917 und auch noch danach, immer am 13. eines Monats eine rätselhafte Frauengestalt erschienen war. Am 13. Oktober desselben Jahres wollen ca. 70.000 Menschen in Fátima gesehen haben, dass sich die Sonne wie ein Feuerrad drehte. Ferner sollen den drei Kindern noch drei Geheimnisse überliefert worden seien, die später von Schwester Lúcia (1907–2005), die als einzige von den drei Hirtenkindern die Spanische Grippe überlebte, aufgeschrieben wurden. Unter anderem soll das Papstattentat vom 13. Mai 1981 vorhergesagt worden sein.
Wegen dieser Ereignisse kommen in jedem Jahr von Mai bis Oktober vom Abend des 12. bis zum Mittag des 13. Kalendertages hunderttausende Pilger aus aller Welt nach Fátima. Gegenüber der alten Basilika von 1928 hat man eine neue Kirche (Igreja da Santissima Trindade) gebaut, die am 13. Mai 2007 ihrer Bestimmung übergeben wurde. Es ist das viert größte Gotteshaus der katholischen Welt und fasst ca. 9.000 Besucher. Der Rundbau hat einen Durchmesser von 130 m. Die Decke des Innenraumes wird nicht von Säulen gestützt, so dass man von jedem Sitzplatz aus einen ungestörten Blick auf den Altar hat. Zwischen den beiden Bauwerken befindet sich der größte Kirchenvorplatz der Welt. Er ist 750 m lang, 200 m breit und bietet Platz für etwa eine halbe Million Menschen.
Mittlerweile ist Fátima auf diese riesige Anzahl von Pilgern eingestellt, und es gibt genügend Übernachtungsmöglichkeiten. Wir hatten Glück, denn als wir am Abend des 13. Juli in der Stadt ankamen, waren die Menschenmassen bereits wieder verschwunden. Außerdem hatte uns Anabela eingeladen, in ihrem Haus zu übernachten.
Ob man nun gläubig ist oder nicht, der mystischen Stimmung dieses besonderen Ortes kann man sich kaum entziehen. Vor dem Hintergrund, dass wenige Stunden, bevor wir eintrafen, noch tausende Menschen hier gebetet hatten, wirkte die abendliche Ruhe geradezu unnatürlich. Wir blieben, bis die Sonne fast am Horizont verschwunden war, ehe wir mit Anabela ein Restaurant aufsuchten.


Ourém

Nachdem wir mit Anabela in Fátima typisch portugiesisch gefrühstückt hatten, fuhr sie mit uns wenige Kilometer, um uns Ourém zu zeigen, wo ihre beiden Kinder getauft worden waren. Der Ort liegt malerisch abseits der Touristenströme auf einem Hügel, und wir hatten bei klarem Wetter eine gute Sicht. Wir besuchten den kleinen Friedhof mit seinen imposanten Grabstätten. Sehr beeindruckend fanden wir die Burganlage aus dem 12. Jahrhundert. Zum Schluss gab es noch einen kostenlosen Schluck Wasser aus dem Trinkbrunnen am Praça do Pelourinho, bevor wir nach Tomar weiterfuhren.


Tomar

Für die 25 km brauchten wir eine gute halbe Stunde. Anabela steuerte zielstrebig ein Parkhaus nahe dem Praça da República an. Sie kannte sich gut aus, denn immerhin war Paulo in Tomar geboren. Oberhalb der knapp 20.000 Einwohner zählenden Stadt liegt auf einem Hügel die Burganlage der Templer und die 1515 errichtete neue Kirche, die als Meisterwerk der Manuelinik gilt. Leider mussten wir auf eine Besichtigung verzichten, da Anabela am Nachmittag einen Geschäftstermin in Fátima hatte. Stattdessen führte sie uns in ein kleines Restaurant, in dem wir jeweils eine halbe Portion deftiger portugiesischer Hausmannskost verzehrten. Nicht zum ersten Mal staunten wir über den niedrigen Preis bei guter Qualität. Anschließend bummelten wir gestärkt durch Tomar über den Praça da República und die Rua Serpa Pinto entlang. Wir überquerten den Rio Nabão, um auf die Flussinsel in den Parque do Mouchão zu gelangen. Die Skulptur mit den beiden berühmten Söhnen der Stadt lud noch zu einem Abschlussfoto ein. Anabela schaute auf ihre Uhr, aber Zeit für ein Eis blieb uns noch vor der Rückfahrt nach Fátima.


Lissabon – 2. Besuch

Waren wir beim ersten Mal an einem ruhigen Samstag in Portugals Hauptstadt gewesen, so wählten wir nun einen trubeligen Donnerstag. Wir merkten dies bereits bei unserer Parkplatzsuche: Wo zuletzt noch jede Menge frei gewesen war, standen nun die Autos dicht an dicht. Ganz in der Nähe fanden wir jedoch glücklicherweise ein großes Areal unter Bäumen, wo man ein Tagesticket lösen konnte.
Auf unserem Programm standen die Kathedrale, ein Gang durch die Alfama und die Besichtigung des Expo-Geländes von 1998 (Parque das Nações).

Nach der Besichtigung der Kathedrale und der Ausgrabungsstätte im Zentrum des Kreuzganges folgten wir den Straßenbahnschienen auf der Rua Augusto Rosa den Hügel hinauf. Am Largo das Portas do Sol blickten wir über die Dächer der Alfama, bevor wir in die Gassen des vielleicht berühmtesten Stadtteils von Lissabon hinabstiegen. Uns war klar, dass wir um die Mittagszeit wohl kaum etwas von den wehmütigen Klängen des Fado hören würden. Dennoch tauchten wir ab in eine andere Welt, die uns für eine Weile ganz und gar in ihren Bann zog.
Nach einem leckeren Mittagessen in einer kleinen Gasse irgendwo in der Alfama, bei dem uns die Köchin mit großer Begeisterung ihre Speisen präsentiert und erklärt hatte, bummelten wir den Hügel hinab, bis wir das Museo do Fado erblickten. Auf dem kleinen Platz davor schauten wir uns auf dem kleinen Markt um, bevor wir mit dem Bus etwa 8 km zum Parque das Nações fuhren.
In unmittelbarer Nähe des Kaufhauskomplexes „Vaco da Gama“ stiegen wir aus. Mary wollte in Ruhe shoppen, und mich interessierte die futuristische Architektur und das Oceanário.So kam jeder auf seine Kosten, und als wir uns 2 ½ Stunden später zum Kaffee trafen, hatten wir uns einiges zu erzählen.

Sintra

Zwei Tage vor unserer Rückreise entschlossen wir uns am Nachmittag spontan, die wenigen Kilometer bis nach Sintra zu fahren. Wir parkten etwas außerhalb bei der Villa Eugenia und hatten schon bald einen herrlichen Blick über ein kleines Tal auf das Rathaus von Sintra mit dem Palácio Nacional dahinter. Besonders auffällig sind die beiden 33 m hohen Schlote der königlichen Küche. Ein Kritiker meinte einst, sie seien dem Appetit eines gierigen Königs angemessen, der sich täglich ein ganzes Königreich einverleibte.
Wir bummelten in den Ort und schauten uns den Nationalpalast zumindest von außen an, da er bereits seit einer Stunde geschlossen war. Am Praça da República erkundigten wir uns im Informationszentrum nach Sehenswertem, was noch geöffnet hätte. Ein freundlicher Angestellter riet uns dringend zum Besuch von Quinta da Regaleira. Es sei nur etwa 10 Minuten die Straße hinauf und wir hätten noch eine gute Stunde Zeit für die Besichtigung. Als er noch von einer ausgedehnten Parkanlage und mystischer Atmosphäre sprach, waren wir überzeugt. Bei der Gelegenheit erkundigten wir uns auch nach einem Restaurant, wo sich der Tag mit einem guten portugiesischen Essen abrunden ließe. Er empfahl uns, ohne zu zögern, das Dom Pipas in Bahnhofsnähe, was sich als guter Tipp herausstellte, zumal es auch noch auf dem Weg zu unserem Auto lag.


Quinta da Regaleira

Die ausgedehnte Parkanlage lohnte tatsächlich den Besuch. Sie wurde zwischen 1898 und 1912 als Sommerresidenz für die Familie von Carvalho Monteiro konzipiert und 1998 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sehr sehenswert ist das Haupthaus, das einem kleinen Palast ähnelt. Interessante Räumlichkeiten und eine verwinkelte Dachkonstruktion mit vielen kleinen Türmchen und schönen Aussichtspunkten haben ihren eigenen Reiz. Den Park durchwandert man wegen der besseren Orientierung sinnvollerweise mit einem Plan. Uns hat besonders der künstliche Brunnen fasziniert. Man kann ihn aber auch als Turm sehen, der mit einer Höhe von 27 m in einen Hügel eingelassen wurde. Der Zutritt von oben erfolgt durch einen drehbaren Stein, der nicht ohne weiteres als Tür zu erkennen ist. Wir hörten Menschen dahinter reden, konnten sie jedoch zunächst nicht lokalisieren.
Über eine gewendelte Treppe gelangt man schließlich nach unten zu einem unterirdischen Gängelabyrinth. Unsere Handys mit eingebauten Lampen waren für uns sehr hilfreich bei der Suche nach einem Weg ans Tageslicht. Aber es gab noch mehr Überraschendes zu entdecken. Um so bedauerlicher war, dass uns nur wenig Zeit bis zur Schließung des Parkes blieb, den die meisten Besucher bereits verlassen hatten. Allerdings konnten wir so die abendliche Ruhe zu zweit genießen, ohne dabei von Menschenmassen umgeben zu sein.


Im Hafen von Ericeira

endet unsere Reise mit bunten Fischerbooten im Mittelpunkt, nach denen wir in Nazaré vergeblich Ausschau gehalten hatten.
Sollten die Fotos und Texte zur Durchführung eines ähnlichen Portugalurlaubs angeregt haben, stehe ich bei Rückfragen gerne zur Verfügung!




Special Moments

Im Folgenden sind zufällig entstandene Fotos zu sehen, die alltägliche Situationen oder Momente abbilden. Dabei kann das Alltägliche zu etwas Besonderem werden, je nach Blickwinkel, aus dem es betrachtet und in diesem Fall fotografiert wird. Der Obdachlose, schlafend, aber mit seinen Beinen jederzeit zum Aufspringen bereit, die wenigen Habseligkeiten mit seinem Körper bewachend. Das Zufällige fasziniert, wenn beispielsweise drei Touristen nahezu synchron mit ihren Cameras aus den Fenstern einer Straßenbahn heraus knipsen oder wenn etwa eine Hand voll Menschen in einer Lissabonner Gasse durch einen Wasserrohrbruch scheinbar in ein überdimensionales Duschszenario hineinversetzt wird.
Möglich und sogar wahrscheinlich, dass beim Betrachten dieser Fotos vor dem geistigen Auge neue „special moments“ entstehen, die ähnlich zufällig oder auch gewollt sind, wie das, was abgebildet wurde!

Mauretanien 31.03. – 14.04.07


Auch als Fotobuch verfügbar

Als ich am Morgen des 1. April gegen 4 Uhr nach meiner über 20 stündigen Reise endlich in Nouakchott auf der reichlich durchgelegenen Matratze lag, fiel ich nach dem ersten Kulturschock, den mir meine Gastgeberin Marie-France bereits Monate zuvor prophezeit hatte, sofort in einen tiefen Schlaf. Der zweite Schock traf mich schon wenige Minuten später, als der Muezzin mit unglaublich kraftvoller Stimme zum ersten Gebet aufrief. Er schien mit einem Megaphon unmittelbar vor meiner Schlafstelle zu stehen – zumindest kam es mir so vor. Ich überlegte, wie ich Marie-France klarmachen würde, dass ich vorhatte, so bald wie möglich wieder abzureisen.
Wie es zu dieser Reise kam

Im Sommer 2005 lernten meine Frau und ich Marie-France während unseres Urlaubs in Tunesien kennen. Sie war von Deutschland aus nach Nordafrika gegangen, um dort auf privater Ebene Menschen zu helfen. Da sie in Tunesien nicht die erwartete Unterstützung erhielt, knüpfte sie Kontakte zu Mauretanien. Die Lebensauffassung der agilen Rentnerin gefiel uns und wir blieben in Kontakt. Wenig später erfuhren wir, dass sie tatsächlich nach Mauretanien gezogen war. Während eines Deutschlandaufenthaltes besuchte sie uns in Dortmund und erzählte uns von ihrer neuen Wahlheimat. Der Gedanke entstand, Marie-France zu besuchen. Ich sollte die Reise jedoch allein antreten, weil meine Frau die ganze Sache reichlich abenteuerlich fand.
Nach eingehender Abwägung eventueller Risiken und sorgfältiger Planung machte ich mich in den Osterferien 2007 auf nach Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens, wo Marie-France lebte. In meinem Gepäck befanden sich viele nützliche Gebrauchsgegenstände, um die sie mich gebeten hatte.
Ich fühlte mich bestens vorbereitet, und auch den zu erwartenden Kulturschock würde ich leicht verarbeiten, so dachte ich. Sorge machte mir eigentlich nur mein fast sechsstündiger Aufenthalt in Casablanca. Die lange Warterei ließ sich jedoch gut mit Musik aus meinem neuen MP3-Player überbrücken. Kurz nach Mitternacht saß ich im Flieger, der um 00.30 Uhr Richtung Nouakchott abhob. Der Flug dauerte gut zweieinhalb Stunden. Im Flughafen-gebäude gab es am Schalter, wo ich mein Visum vorzeigen musste, eine lange Schlange. Dann die Gepäckkontrolle. „Wofür sind die kleinen Schlösser an Ihren Koffern?“, fragte ein bulliger schwarzer Soldat. „Aufmachen!“ Man fand keine verdächtigen Güter und mit großer Erleichterung passierte ich endlich die Sperre, hinter der mich Marie-France und ihr schwarzer Fahrer, Amadou, empfingen. Die Begrüßung war überaus herzlich, und auch Amadou schien froh zu sein, dass alles geklappt hatte. “Willkommen in Mauretanien!”
Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit einigen anderen Taxifahrern, die Amadou beschuldigten, in ihr Terrain eingedrungen zu sein, verließen wir das hell erleuchtete Flughafengelände und fuhren in die Dunkelheit.

Wohnen und Familie

Wohnen in einem Armenviertel von Nouakchott, das bedeutete in meinem Fall, 14 Tage ohne fließendes Wasser auszukommen. Auch daran, dass wir fast täglich Stromausfall hatten, musste ich mich gewöhnen. Ich lernte, mich mit einem halben Eimer voll Wasser komplett abzuduschen und zu erfrischen. Zum Zähneputzen benutzte ich eine Plastikflasche, in deren Deckel ich ein Loch bohrte und die auf diese Weise, ähnlich wie ein Wasserhahn, funktionierte. Alle 2 Tage kam ein Mann mit einem Eselskarren, der mit 2 Wasserfässern beladen war. Marie-France kaufte ihm 200 l für 300 Ouguiyas ab, was knapp einem Euro entspricht. Amadou füllte peinlich genau eine vorgeschriebene Menge Chlor ins Wasser, so dass es trinkbar wurde. Unsere Teller mit Essensresten stellten wir nach der Mahlzeit auf den Fußboden und überließen sie dem Hund und den beiden Katzen. Aicha spülte das Geschirr immer sehr gewissenhaft. Dennoch war ich überrascht, dass ich während meines Aufenthaltes nicht ein einziges Mal Magen- oder Darmprobleme hatte! Aicha (33) machte im Übrigen sämtliche Hausarbeiten, Amadou (36) verdiente im Monat umgerechnet ca. 150 € mit Taxifahren. Marie-France kaufte die Nahrungsmittel für die Familie und kochte ab und zu. Zur Familie gehören noch die beiden Mädchen Funny (2½) und Fama (7).

Bei den Fischern

Am langen Sandstrand von Nouakchott konnte ich an einem Nachmittag beobachten, wie etwa 30 Männer ein großes Netz mit Fischen aus dem Meer zogen. Sie brauchten für diese Arbeit fast eine Stunde! Ein älterer Fischer, mit dem ich ins Gespräch kam, verblüffte mich, indem er sagte: „Sie sind Deutscher.“ Als ich bejahte und ihn fragte, wie er darauf käme, antwortete er: „Ich habe mit Holländern, Spaniern und Deutschen zusammengearbeitet, und an Ihrem Akzent höre ich, dass Sie Deutscher sind.“
An einem anderen Tag fuhren wir zu der Stelle, wo die Fischer mit ihren bunten Pirogues aufs Meer hinausfuhren. Einen Hafen gab es hier nicht, dafür jedoch eine moderne Markthalle, wo der fangfrische Fisch abgewogen und verkauft wurde. Unglaublich viele Menschen, darunter zahlreiche Marktfrauen mit Körben und Plastikwannen, warteten auf den Fang, den die Männer mitbrachten. Ich beobachtete, wie sie mit ihren Booten vom Meer aus direkt auf den Strand fuhren. Das war gar nicht so einfach, denn die See war rauh und die Wellen hoch. Manche schafften es nicht auf Anhieb, sich in die Position zu manövrieren, die nötig war, um sich mit der Breitseite an den Strand spülen lassen zu können. Kräftige Männer standen bereit, um die Boote auf den Sand zu ziehen. Dabei mussten sie sehr aufpassen, dass sie von den mit Wucht ankommenden Pirogues nicht umgeworfen oder gar verletzt wurden. Vor der Küste Mauretaniens gibt es zur Zeit noch reichlich Fisch, und man braucht kaum weiter als 200 m hinauszufahren, um die Netze zu füllen.
Nach einer Weile entfernte ich mich ein wenig von dem Trubel, um die Pirogues zu fotografieren, die etwas weiter weg am Strand lagen und in ihren bunten Farben herrlich in der Sonne leuchteten.

Auf dem Friedhof

Eines Abends gingen Marie-France und ich zum nahegelegenen Friedhof, der an einer Ausfallstraße lag. Wir hatten für unseren Besuch bewusst die Stunde vor der Dämmerung gewählt, denn das Licht der tiefstehenden Sonne schien mir für meine Fotos besonders geeignet zu sein.
In der Tat hatte ich bis dahin noch keine vergleichbare Begräbnisstätte gesehen! Als erstes sprangen mir die zahllosen bunten Müllbeutelchen aus Plastik ins Auge, dann die größtenteils verrosteten Metallschilder mit den Inschriften, viele davon in arabischen Lettern. Die Plastiktüten wurden vom ständig wehenden Wind aus der Stadt herausgetrieben und schienen dann auf dem Friedhof ihre Sammelstätte gefunden zu haben. Grabsteine, wie wir sie kennen, sah ich nur wenige, und die meisten Schilder waren an langen Stangen befestigt, wohl um zu verhindern, dass sie allzu schnell zugeweht würden. Manche Angehörige hatten den Versuch unternommen, die letzte Ruhestätte ihrer Lieben mit großen Steinen einzufassen, um sie auf diese Weise vor dem Sand zu schützen, meistens jedoch ohne Erfolg!
So gingen Marie-France und ich zwischen den Gräbern umher, und gerade, als ich mich fragte, ob es auch in Mauretanien üblich sei, dass Menschen vorbeikämen, um der Toten zu gedenken, begegneten uns erst zwei Männer und dann eine Frau im Licht der allmählich untergehenden Sonne.

Menschen

Es hat mich unglaublich fasziniert, die Einwohner Mauretaniens zu fotografieren. Die Fremdartigkeit dieser schönen und stolzen Menschen und die Farbenpracht ihrer Gewänder waren und sind noch immer ein Genuss für meine Augen! Dabei habe ich mich oft gefragt, ob ein Afrikaner ähnlich empfindet, wenn er zum ersten Mal in Deutschland mit seiner Kamera durch die Straßen unserer Städte streift. Unfassbar, dass 20% der mauretanischen Bevölkerung (etwa 600.000 Menschen) noch versklavt sind, obschon diese Form der Unterdrückung 1980 offiziell abgeschafft wurde! Warum müssen eigentlich Menschen immer noch Macht über Menschen ausüben?
Seit 1990 wurden in Zentralafrika bis heute (2009) mehr als 5 Mio Schwarze umgebracht, darunter zahllose Frauen und Kinder. Das mediale Interesse lasse angesichts solch ungeheuerlicher Zahlen allmählich nach, äußerte kürzlich eine Reporterin im TV. Demgegenüber beschäftigt man sich nach über 60 Jahren immer noch mit dem Holocaust. Die Erinnerung an die Ermordung von 6 Mio Juden wird zu Recht durch entsprechende Dokumentationen ständig aktualisiert und auf diese Weise im Bewusstsein der meisten Menschen verankert. Und alle, die sich für einigermaßen zivilisiert halten, sind sich einig: So etwas Abscheuliches darf nie wieder geschehen!
Warum aber lässt unser Interesse bei aktuellem Völkermord nach, bei dem aus der Vergangenheit hingegen gibt es ein Bestreben, es wachzuhalten?

Am Brunnen

Eines Morgens sagte Marie-France zu mir, wenn ich das Treiben am Brunnen fotgrafieren wolle, so wäre es ratsam, wenn ich noch vor dem Frühstück hinginge, denn später hätten die meisten Menschen ihr Wasser bereits geholt.
Ich wusste ungfähr, wo der Brunnen war, warf mir ein Hemd über das Oberteil, in dem ich geschlafen hatte, nahm meine Kamera und machte mich auf den Weg. Weit brauchte ich nicht zu gehen, da sah ich schon zahlreiche Menschen mit Wassergefäßen, vorwiegend jedoch Frauen.
Als ich auf dem Platz vor dem Brunnen ankam, überkam mich ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung, dass ich als einziger Weißer weit und breit im Begriff war, Fotos von hart arbeitenden Schwarzen zu machen! Unmittelbar neben der Stelle, wo das Wasser in gelben Plastikkanistern aus dem Brunnen gezogen wurde, saß ein Aufseher. Er trug einen makellos reinen, weißen Kaftan und dazu eine passende ebenso weiße bestickte Kopfbedeckung. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte, ob ich fotografieren dürfe. Er lächelte freundlich und nickte. So setzte ich mich mitten auf den Platz in den Sand und machte meine Kamera startklar. Erst beim Fotografieren bemerkte ich, dass auch Kinder die schweren Kanister schleppten oder hinter sich herzogen.

Nouakchott

Nouakchott, die Hauptstadt von Mauretanien entstand 1959 und hatte damals etwa 25 000 Einwohner. Aufgrund des völlig unkontrollierten Wachstums – mittlerweile leben hier etwa 800 000 Menschen – hat die Stadt ernsthafte Probleme wegen der Wasserknappheit, obschon es in der Nähe einen See gibt, der sie mit Trinkwasser versorgt. Nouakchott liegt am westlichen Rand der Sahara unmittelbar am Atlantik und ist eine der größten Städte dieser Wüste.
So ist es nicht weiter erstaunlich, dass man überwiegend auf Sand läuft, sofern man sich nicht gerade auf einer der wenigen Hauptstraßen oder aber in einem Viertel mit Botschaften oder Villen der wohlhabenderen Bevölkerung befindet.
Ich bin in den 14 Tagen viel zu Fuß unterwegs gewesen, und immer wieder durch andere Straßen gegangen, und jede hatte irgendwie ihren besonderen Reiz. Es gab spektakuläre Bauwerke zu sehen, wie die saudische Moschee, in der mir ein junger Mann sogar das Fotografieren gestattete, nachdem mich ein älterer Herr zunächst hinauswerfen wollte, weil Christen keinen Zutritt hätten. Aber auch heruntergekommene Gassen mit den obligatorischen bunten Plastiktüten gehörten zum Stadtbild. Nicht zu vergessen die zahllosen, oftmals schwer beladenen Karren, welche von den stets geduldigen Eseln gezogen wurden. Die Last konnte noch so schwer oder sperrig sein, nie blieb eines dieser Tiere stehen und verweigerte die Arbeit. Schafe und Ziegen, die überall nach fressbaren Abfällen suchten, gehörten ebenfalls zum Alltag in Nouakchott. Menschen saßen auf dem sandigen Boden oder auf kleinen selbst gezimmerten Bänken und verkauften Gegenstände für den täglichen Bedarf.
All diese Eindrücke ergeben eine wunderbare exotische Mischung, die ich auf folgenden Fotos zeigen möchte.

Durch die Wüste

Endlich hatte Marie-France es geschafft, eine Tour nach Chinguetti zu organisieren. Am 08.04. ging es morgens schon vor Sonnenaufgang los. Bis Atar, wo wir übernachten wollten, hatten wir 480 km Wüste zu durchqueren: „Le desert“, was „verlassen“ bedeutet. Tatsächlich waren weit und breit keine Menschen zu sehen, stattdessen ab und zu ein paar Dromedare. Die wenigen Autos, die uns entgegen kamen, hätte ich an 10 Fingern zählen können. Die vielen Wasserflaschen im Kofferraum wurden plötzlich wichtig, wichtiger noch als die große Schüssel mit leckerem Thunfischsalat auf Reis mit Zitrone und Essig, den Marie-France am Abend zuvor gezaubert hatte.
Als es schließlich hell wurde, befuhren wir bereits die westliche Sahara. In den folgenden zwei Tagen lernte ich eine Landschaft kennen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte! Allerdings begann erst in Chinguetti die „richtige“ Sandwüste mit hohen Dünen. Bis dahin genossen wir eine unbeschreibliche Weite, die nur gelegentlich durch beeindruckende Tafelberge unterbrochen wurde.

Atar

Gegen 14 Uhr erreichten wir Atar. Die Stadt selbst hat nichts Besonderes zu bieten, sieht man einmal davon ab, dass bis 2008 die umstrittenene Rallye Dakar durch Atar führte. Ansonsten finden sich hier Leute ein, die nach Chinguetti oder sonst wohin wollen.
Am Markt trafen wir schließlich Cheikh, den Bekannten von Marie-France, der für die weitere Organisation verantwortlich war. Er begrüßte uns freundlich und führte uns zu seinem Souvenirladen. Nach der Hitze war es drinnen angenehm kühl. Während der Mann aus dem Senegal leckeren Tee zelebrierte, schaute ich mir die schönen handgefertigten Kunstgegenstände an. Besonders auffällig waren Figuren aus Ebenholz, die mit hellem Holz durchzogen waren. Cheikh bemerkte mein Interesse und sagte: “Weiß und Schwarz vereint. Die Figuren kennen keinen Rassismus.”
Dann brachte jemand das Mittagessen: Eine große Platte mit Reis, Fisch und etwas Gemüse. Cheikh, sein Kompagnon und Amadou aßen mit den Händen, formten den Reis geschickt zu kleinen Bällchen. Marie-France und ich bekamen einen Löffel. Bedenken hinsichtlich irgendwelcher Krankheiten wollten aufkommen, wurden jedoch schnell in den hinteren Winkel meines Gehirns geschoben, denn mein Hunger siegte. Tatsächlich war das Essen lecker, und ich bekam nicht den erwarteten Durchfall!

Amadou und Marie-France schliefen bereits, und auch mich überkam die Müdigkeit. Gegen 22 Uhr bereitete ich mein Lager vor. Als Laken legte ich mein Handtuch auf die Matratze. Meine Wertsachen verstaute ich im Rucksack, den ich als Kopfkissen benutzte. Der Schleier von Marie-France reichte zum Zudecken. Es waren immer noch ungefähr 35°. Entfernt hörte ich die Männer aus dem Senegal reden. Lautlos schlich eine Katze vorbei. In der Dunkelheit bellte ein Hund. Über mir der Sternenhimmel von Afrika. Irgendwann lösten die Männer ihre Runde auf. Leise kamen sie mit den Matratzen nach draußen. Mein letzter Gedanke galt Chinguetti.
Für die 80 km bis dorthin brauchte unser Fahrer am nächsten Morgen knapp 90 Minuten. Beim Befahren der Passstraße wirkten einige Felsen zur Rechten so, als könnten sie jeden Moment auf die Straße stürzen. Cheikh bemerkte meine Besorgnis und sagte: „Die Touristen finden das aufregend. Ich jedoch halte es für gefährlich!“

Chinguetti

Dieser kleine, mehr als 700 Jahre alte Ort hat für mich seine Faszination aus mehreren Gründen: Zum einen beginnt hier die „wirkliche“ Sandwüste (la porte du désert). Dann gilt Chinguetti als der siebente heilige Ort des Islam und war früher ein wichtiger Rastplatz für die endlosen Karawanen der Pilger auf ihrem Weg nach Mekka. Auf mich wirkte er wegen seiner Abgelegenheit sehr einsam, ja fast schon trostlos. Nur wenige der etwa 1500 Einwohner waren unterwegs. Kaum vorstellbar, dass hier in früherer Zeit manchmal bis zu 20 000 Pilger pro Tag mit ihren Dromedaren eine Pause einlegten, um sich dann gen Osten auf den Weg zur heiligen Stadt aufzumachen.
Bis 2003 war der alte Teil von Chinguetti unter einer bis zu 3 m hohen Sandschicht begraben und wurde erst im Juli jenen Jahres mit Geldern aus der EU freigelegt, was in einer der Gassen mit einer hölzernen Messlatte anschaulich dokumentiert ist.
Sehr interessant war der Vortrag von dem Gelehrten Saif Islam, der bemüht war, die mittelalterlichen Bücher in einer der insgesamt fünf Privatbibliotheken vor dem Verfall und den Termiten zu schützen. Das älteste Buch der Stadt stammt übrigens aus dem 10. Jahrhundert und ist der einzige Koran, der auf Gazellenhaut geschrieben wurde.
Natürlich sollte man auch die sogenannte Freitagsmoschee besichtigen. Allerdings fand ich sie, abgesehen von ihrem Alter, nicht schrecklich beeindruckend, weil ich mit Moscheen größere Bauwerke mit einem weithin sichtbaren Minarett verbinde.
Dennoch wird mir Chinguetti als bedeutender Ort der islamischen Welt, weit entfernt von unserem Wohlstandsleben, immer in besonderer Erinnerung bleiben. Mit diesen Fotos endet zugleich eine der aufregendsten Reisen, die ich bisher unternommen habe!